Jatros Orthopädie,
UNIVERSIMED, 01.02.2000

Hüftgelenksersatz auf Hightech-Niveau


K. Zweymüller, Vienna

Für die Lebensdauer eines künstlichen Hüftgelenkes spielt das Material der Gleitpaarung eine wesentliche Rolle. Aus verschleißfester Keramik gefertigte Kugelköpfe und Pfanneneinsätze werden besonders günstig beurteilt. Auf einem internationalen Symposium in Stuttgart berichteten Entwicklungsingenieure und orthopädisch tätige Chirurgen in einem fachübergreifenden Meinungs- und Erfahrungsaustausch über Vor- und Nachteile unterschiedlicher Hüftendoprothesensysteme.

Kongresse

Osteolyse als zentrales Problem
Um beim Implantieren eines künstlichen Hüftgelenkes ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Wie Prof. K. Zweymüller, Wien, ausführte, stellte sich mit den lange Zeit wegen der erwünschten Elastizität verwendeten monolithischen Gelenkpfannen aus Kunststoff nicht der erhoffte Therapieerfolg ein. Mitte der 80er Jahre wurde damit begonnen, konische Titanpfannen zu verwenden, vorzugsweise mit einem Inlay aus Polyethylen (PE), die den gewünschten Anforderungen an ein langlebiges und belastbares System am ehesten entsprachen. In den letzten Jahren hat sich der Trend zur modularen Bauweise verstärkt, die dem Chirurgen die Möglichkeit gibt, eine an den jeweiligen Bedarf des Patienten adaptierte Komponentenauswahl zu treffen.
Der am häufigsten eingesetzte Prothesentyp ist ein System, bei dem ein Metallkopf gegen eine Polyethylenpfanne artikuliert. Bei dieser Paarung entsteht allerdings ein unvermeidlicher Polyethylenabrieb, der bei über 0,2mm pro Jahr liegt und unter Umständen bis zu 0,5mm pro Jahr betragen kann. Diese Polyethylenpartikel lösen eine Osteolyse aus und führen damit zur aseptischen Lockerung des Implantats. Demzufolge wurden Revisionsraten von bis zu 15% nach 10 Jahren beschrieben.
Der erste Lösungsansatz, um diesem Problem zu begegnen, bestand im Einsatz von keramischen Kugelköpfen, die gegen eine Polyethylenpfanne artikulieren. Bei dieser Gleitpaarung ist die Abriebsituation bereits deutlich verbessert und liegt unter 0,1mm pro Jahr. Darüber hinaus kann die Lockerungsrate um mehr als den Faktor 2 gesenkt werden, ein nicht unerheblicher Fortschritt, wenn man davon ausgeht, dass der Ersatz des totalen Hüftgelenkes heute bereits bei 50-Jährigen durchgeführt wird. "Es gab jedoch auch Rückschläge", erklärte Zweymüller, so dass der modulare Aufbau weiterentwickelt wurde.
Als heutiger Standard können in einer Art Sandwichtechnik unterschiedliche Materialien miteinander kombiniert werden (siehe Abbildung). Der Pfanneneinsatz besteht entweder aus Polyethylen (PE), Metall oder Keramik, die Kugelköpfe aus verschleißfester Keramik oder Metall. Von diesen Alternativen wird zwar die Paarung Metall/PE aus Kostengründen häufig favorisiert, bei der Keramik-Keramik-Gleitpaarung werden jedoch fast optimale tribologische Ergebnisse erzielt mit Abriebraten unter 0,005mm pro Jahr, wie Untersuchungen von Explantaten und Simulatorversuche gezeigt haben (siehe Tabelle).

Modulationsprinzip als Standard
Die mit diesem Modulationskonzept in den letzten Jahren gemachten klinischen Erfahrungen sind durchaus vielversprechend, wie an einigen Beispielen demonstriert wurde. Die anfängliche Skepsis gegenüber der Keramik-Keramik-Gleitpaarung bestätigte sich nicht. Gelegentliche Probleme beim Einsatz des Keramik-Inlay in das Pfannengehäuse während der Operation waren überwiegend auf technische Fehler zurückzuführen und hatten keinen wesentlichen Einfluss auf den klinischen Verlauf des orthopädischen Eingriffs. So war unter anderem bei Verwendung eines Keramik-Inlay auch keine häufigere Luxation im Vergleich zu einem PE-Inlay zu beobachten. Bei sorgfältiger Operationsplanung und unter Beachtung einiger Regeln sowie einer anatomisch korrekten Positionierung des Pfannengehäuses sind spätere Komplikationen weitgehend auszuschließen. Um die Gefahr einer Verkantung des Keramik-Inlay bei der konischen Verklemmung zu umgehen, steht mittlerweile ein Adapter zur Verfügung, der es erlaubt, das Inlay passgenau in die Pfanne einzusetzen. Als ideale Lösung wurde vorgeschlagen, während der Operation einen Funktionstest mit Probeinlay und Probekopf vorzunehmen.
Die mittelfristigen klinischen Verlaufsbeobachtungen werden insgesamt als positiv beurteilt, aber erst Langzeitergebnisse können zeigen, ob sich die extreme Verschleißfestigkeit und die Bioinertheit der verwendeten Aluminiumoxidkeramik im Dauereinsatz bewähren. An einer Verbesserung dieser Eigenschaften durch Modifikation der Oberflächenstruktur wird weiter intensiv geforscht, um den hohen Anforderungen an Hüftendoprothesen mit langer Lebensdauer noch besser gerecht zu werden.

Allergiepotenzial verringern
Eine eigene Session war der Frage gewidmet, inwieweit allergische Reaktionen beim Einsatz eines künstlichen Hüftgelenkes ein Problem darstellen können. Grundlage bilden die klassischen Allergentests auf der Haut (Prick, Patch), mit denen mögliche Hypersensitivitätsreaktionen auf gängige Metalle in Prothesenmaterial (Nickel, Titan etc.) provoziert werden können. Allerdings wurde darauf hingewiesen, dass die Haut wesentlich empfindlicher reagiert als andere Körpergewebe, wie z. B. Knochensubstanz. Dies erklärt vermutlich auch, dass keine Korrelation zwischen dermatologischen Testergebnissen und der Reaktion des Knochens auf näher untersuchte Biomaterialien bei Allergikern gefunden wurde. Auch bezüglich eines positiven Befundes bei einem Hauttest und postoperativen Komplikationen, wie verzögerter Wundheilung nach Hüftgelenksersatz, ergab eine Literaturanalyse keine Korrelation.
Insgesamt sind retrospektive und prospektive Untersuchungsergebnisse so zu bewerten, dass zurzeit kein spezielles Testverfahren existiert, das die Vorhersage auf eine mögliche allergische Reaktion erlauben würde.
Aus allergologischer Betrachtung kann eine Prophylaxe somit ausschließlich darin bestehen, für das Implantat nur Materialkombinationen mit möglichst geringem Abrieb bzw. fehlender Korrosion zu verwenden.
Bemängelt wurde in diesem Zusammenhang, dass Träger eines künstlichen Hüftgelenkes häufig keine Auskunft über die verwendeten Materialien des Implantats geben können. Diesem Informationsdefizit könnte eine so genannte "Implantat-Card" abhelfen, die der Patient mit sich führen sollte. Ein solcher "Prothesen-Pass" wäre auch im Falle einer Revision besonders hilfreich.

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Report: R. Seib, Dipl.-Biologe, Medizinjournalist
Source: 5. Internationales CeramTec-Symposium, Stuttgart, 19. 02. 2000